Spring/Summer 09

Die Arbeit Nährad von Frauke Buchholz entstand 2008 als Selbstportrait.
Bereits während ihrer Ausbildung arbeitete die Modedesignerin als Fahrradkurierin und tauchte dadurch in zwei scheinbar völlig gegensätzliche Welten ein: einerseits in die der ruppigen Tätigkeit auf der Straße, die vom Bemühen um die nächste Tour, vom Durchsetzen gegen die Autofahrer und nicht zuletzt vom Überwinden eigener körperlicher Grenzen gekennzeichnet war, andererseits in die ästhetische Welt der Mode mit vor allem optischen Reizen. Diese unterschiedlichen Erfahrungen verarbeitete Frauke Buchholz bereits in ihrer Diplomarbeit 2007, die dazugehörige Kollektion bezog sich sowohl auf die Anforderungen der Straße als auch auf die modischen Tendenzen der Kurierfahrer.
Das Nährad schafft es noch direkter, die Gegensätze beider Welten zu vereinen: Die physisch erzeugte Kraft wird über den Antrieb des Rades unmittelbar auf die Nähmaschine übertragen und so zum künstlerischen Impuls.
Der gleichnamige Film zum Nährad, der 2009 in Zusammenarbeit mit Nhu Nguyen entstand, visualisiert diesen Prozess. Er steigert dessen Wirkung, indem die hybride Maschine mit den filmischen, bewegten Bildern zu neuen visuellen Formen verschmilzt. Der Mensch-Maschine-Komplex wird zum Teil der filmischen Projektionsfläche und erweitert durch seine Körperlichkeit den Bildraum. Der Grenze von Imagination und Realität wird spielerisch begegnet und unsere Wahrnehmung durch die irritierende Gleichzeitigkeit von Stillstand und Bewegung, An- und Abwesendem auf die Probe gestellt. Auf diese Weise werden assoziativ immer neue, auch gegenläufige Perspektiven und Denkräume aufgemacht.

Text: Amrei Buchholz